Wert schätzen

Auch wenn wir immer versuchen, mit unserer Gartenarbeit nicht missionarisch zu wirken, fällt genau dies uns manchmal schwer! Ebenfalls versuchen wir, nicht den Öko-Aktivisten raushängen zu lassen – das gelingt uns vielleicht auch etwas besser 🙂

Dennoch muss man nach einer Saison im Garten doch einige (viel zu viele) Sachen hinterfragen! Und die wichtigste dieser Fragen ist: Wie kommt es, dass kaum einer den Wert von Nahrung zu schätzen weiß?

Freunde fragen uns, ob das denn nicht schlimm wäre, wenn man im Winter keine Tomaten ernten kann? Wenn man doch Bock auf Tomaten hätte?? Ja, da frag ich mich aber, was schief läuft, wenn wir es heutzutage als selbstverständlich sehen, im tiefsten Winter Tomaten zu essen! Und vor allem ohne es zu hinterfragen! Wenn wir kurz vor Weihnachten Erdbeeren kaufen können – da fühle ich mich (obwohl wir eine Art „Außenseiter“ sind mit unserer Gartensache) wie der einzig normale Mensch! 

Auch sind viele unserer Freunde exorbitante Fleischesser! Das ist ja aber auch so männlich… Gott weiß warum – die „Männlichkeit“ beim Grillen kam doch mit Sicherheit durch die erfolgreiche Jagd! Und welcher der heutigen Grillexperten hat schon vorher ein Rind erlegt? Welcher hat überhaupt jemals ein Rind erlegt oder wird es jemals tun? Vermutlich keiner! Trotzdem sind in meinem Umfeld viele noch „stolz“ darauf, 5 Schnitzel verdrückt zu haben! Ja, ist die Welt denn noch ganz dicht? Ebenso verrückt sind aber (meiner Meinung nach) jene, die überhaupt keine tierischen Produkte mehr essen! Nach welchen Maßstäben? Bienenwachs ist auch für Bienen irgendwann Abfall, während mein Salat einen eindeutigen Überlebenswillen zeigt! Aber der darf ohne Hemmungen gegessen werden, während Bienenwachs verschmäht wird? Bienen werden auf Obstplantagen in schlimmster Massentierhaltung gehalten, um ihrer Bestäuberleistung willen! Äpfel dürfen aber gegessen werden? Ohne Bienen wären wir dann in China, wo menschliche Bestäuber in die Bäume klettern und die Blüten bepinseln! Ist das besser als ein harmonisches Miteinander von Pflanzen und Tieren? Argentinische Dörfer werden mit Pestiziden besprüht, damit die Bewohner einer Sojabohnenplantage weichen – ist das besser als eine Kuh zu melken? Ich durchschaue das Konzept nicht und auch nicht, warum man nicht einfach in Maßen und Einklang mit der Umwelt konsumieren kann! Es macht mich verrückt, dass wir in unserer heutigen Welt unseren „Lifestyle“ anhand unseres Essens aussuchen können. Möchte ich zu dieser Szene gehören, esse ich dies, möchte ich dort angesehen sein, verzichte ich auf das! Wo ist denn der gesunde Menschenverstand hin und ein gemäßigter Konsum? Ein harmonisches Miteinander mit der Natur und ein wertschätzen für das, was sie uns schenkt? Ob das Tomaten sind oder Hühnereier! 

Das Angebot der Supermärkte bringt mich langsam zum kotzen! Wer nur einmal selbst geerntet hat kennt die Vielfalt an Formen und Größen – der Einheitsbrei im Gemüseregal spiegelt das nie im Leben wieder! Wie viel ist also hier auf dem Müll gelandet? Dem Verbraucher scheint das egal zu sein, dem Händler aber auch! Einer schiebt die Schuld zum anderen…

Möhrenernte vom 07. Juni 2015 - Möhren wie sie aus der Erde kommen, durch Nematoden verzweigt! Im Supermarktregal längst aussortiert, obwohl sie nicht schädlich sind!
Möhrenernte vom 07. Juni 2015 – Möhren wie sie aus der Erde kommen, durch Nematoden verzweigt! Im Supermarktregal längst aussortiert, obwohl sie nicht schädlich sind!
Blaue Kartoffeln - in ihrer Heimat Südamerika kommt die Kartoffel größtenteils
Blaue Kartoffeln – in ihrer Heimat Südamerika kommt die Kartoffel größtenteils „bunt“ vor. Nur in Deutschland beschränkt sich das Angebot auf weiße Sorten – und auch hier nur auf die, die sich effizient ernten lassen!
Krumme Zuckerschoten - ebenso lecker und nahrhaft wie gerade! Im Supermarkt erscheint es einem, als gäbe es sowas überhaupt nicht!
Krumme Zuckerschoten – ebenso lecker und nahrhaft wie gerade! Im Supermarkt erscheint es einem, als gäbe es sowas überhaupt nicht!

Aber nicht einmal nach dem Kauf ist die Verschwendung beendet – viele unserer Freunde wundern sich, dass man Brot tatsächlich einfrieren kann! Das wird stattdessen weggeschmissen… Eier halten sich monatelang, auch über dem Verfallsdatum, wenn man sie regelmäßig umdreht! Und vieles was nicht mehr wie neu gekauft riecht oder aussieht, ist trotzdem noch lange genießbar!

Ist es also das Überangebot, was uns Essen zu etwas wertlosem verkommen lässt? Ist es Bequemlichkeit, die so viele Menschen daran hindert, sich etwas mehr selbst zu versorgen? Oder der Zeitmangel, der Stress bei der Arbeit? Oder ist es etwa schon so schlimm, dass es zu sehr schmerzt, darüber nachzudenken, wie viel Nahrungsmittel vergeudet werden, wie viele Ressourcen verschwendet?

Nichtsdestotrotz glaube ich, dass die Welt auf dem aufsteigenden Ast ist! So viele interessante Ideen machen mir Freude und in so vielen Blogs treffe ich Menschen, die ihre Ernte als das zu schätzen wissen, was sie ist: Das, was uns ernährt und am Leben hält! Eine wunderbare Sache in dieser Hinsicht sind Läden wie Etepetete oder Ideen wie die Culinary Misfits! Es gibt so viel zu entdecken und so viel, was hoffen lässt! Darauf, dass das, was uns am Leben hält, bald wieder den Stellenwert hat, den es verdient!

So merken wir also zum Ende eines (unfassbar kurzweiligen) Gartenjahres, dass man sich wie von selbst empört! Dass Aufregung vorprogrammiert ist über die Ignoranz von Unternehmen und die Unwissenheit von Kunden! Alle wollen immer alles wissen – doch was einen ernährt, wo es herkommt, was drinsteckt, ist vielen egal! 

Und so werde ich doch missionarisch, da ich der Welt sagen möchte: Kauft Saisongemüse, greift zur unförmigsten Frucht, kauft das, was morgen abläuft, wenn ihr wisst, dass ihr es heute noch esst! Alles andere landet auf dem Müll! Das ist zu schade drum… Und wenn nur ein Mensch mehr so handelt, dann ist die Welt ein Stückchen besser!

Und so werden wir auch zu Aktivisten, denn wir wollen der Welt sagen: baut euer eigenes Gemüse an, tauscht euch aus, vernetzt euch, kauft direkt beim Bauern – ziemlich schnell braucht man keinen Supermarkt mehr, zumindest nicht für Gemüse und Obst! Und wenn nur ein paar Menschen weniger bei Netto und co. kaufen, geht vielleicht der Trend weg von Normware, ungespaltenen geraden Möhren und zu 30% geröteten Braeburns (weil der Rest sich ja nicht verkaufen ließe, obwohl er vollkommen genießbar ist!). 

Das regt mich alles so lange schon auf und lässt mich fast verzweifeln, weil sich so wenig unternehmen lässt! Niemand soll sich auf den Schlips getreten fühlen 🙂 So viel läuft schief und so viel fällt davon erst auf, wenn man selbst in Erde wühlt! Wenn man das, was uns am Leben hält, selbst produziert!

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5 Gedanken zu “Wert schätzen

  1. Ein toller Beitrag – ich fühle mir aus der Seele gesprochen.
    Ich greife lieber zu den unförmigen, dafür aber wohlschmeckenderen Karotten und Gurken aus dem Garten. Das Obst und Gemüse aus dem Supermarkt schmeckt oftmals nach nichts.
    Klar auch ich kaufe nicht 100% nur saisongemüse, aber ich versuche es so oft ich kann 🙂
    LG Sabrina

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